Mut aus Zufall

Warum es ein Genuss ist, sich auf der Bühne jede Blöße zu geben, wo man kritische Lieder über den Papst besser nicht singen sollte, und was andererseits auch Gutes dabei herauskommen kann.

Stefan Stoppok

Sybille Engels im Gespräch...

... mit Stefan Stoppok

Motto dieser Ausgabe ist „Mut“ – da kamst du mir in den Sinn ...

Das ist ja schon mal ein schöner Einstieg. Da hast du meine Sympathien sofort.

Eine erfolgreiche Karriere als Musiker aus eigener Kraft aufzubauen, um der künstlerischen Freiheit willen „Nein“ zu sagen zu Musikindustrie und Medien, das schaffen nicht viele. Würdest du sagen, dass du dafür Mut gebraucht hast?

Ich glaube schon, dass ich damals mutig sein musste, um mich erst mal überhaupt für die Musik zu entscheiden. Ich war 18 und hatte keine Ahnung, wie das laufen kann. Ich hatte ja bereits eineinhalb Jahre als Krankenpfleger gearbeitet, und das hat mir sehr gut gefallen – auch in dem Beruf kann Mut übrigens nicht schaden –, aber die Musik wurde immer wichtiger für mich. Mein Vater starb, als ich zwölf war, und seitdem ist Musik für mich das Wesentliche. Daran konnte ich mich festhalten, das hat mir Power gegeben. Natürlich habe ich zuerst versucht, einen gesellschaftlich akzeptierten Weg zu finden, einen Halt zu haben und meine Mutter zu beruhigen, und mich für das Studium an einer renommierten Musikakademie beworben, der Folkwang Musikschule in Essen. Aber da bin ich sang- und klanglos abgeblitzt, die haben mir an den Kopf geknallt, dass ich völlig unmusikalisch sei und besser keine Musik machen solle. Sobald ich das vernommen hatte, habe ich ganz schnell beschlossen, dass ich Musik machen werde. Ich wusste, dass ich das kann und mir das von den Affen nicht wegnehmen lasse.

Wie sah der Plan denn dann aus?

Mein Plan sah so aus: Fahr’ in den Süden, mach’ Straßenmusik und lass’ dich treiben. Ich habe alles abgebrochen, bin ohne Geld in der Tasche los und ab dafür. Daumen raus. Wenn ich Geld brauchte, hab’ ich mich an die Straße gestellt und Musik gemacht. Dafür musste man damals schon ein wenig mutig sein. Ich war sowieso kein Haudrauf-Typ: jung, weder selbstsicher noch aggressiv; und damals konnte man in einer brenzligen Situation keine Whatsapp-Nachricht absetzen. Das muss man heute ja erklären: dass man damals wirklich unerreichbar war, wenn was schief lief oder das Geld ausging.

Erzähl’ mir mal von einer brenzligen Situation unterwegs.

Einmal wollte ich mit einem Freund in der Schweiz Straßenmusik machen. Da standen in Nullkommanix 200 Leute um uns herum und überhäuften uns mit Geld, und wir dachten: Ist ja toll hier! Bis nach 20 Minuten die Schweizer Polizei vorfuhr und uns für die Nacht in eine Zelle steckte. Am nächsten Morgen erfuhren wir dann, was unsere Zuschauer so begeistert hatte: Die hatten unseren vermeintlichen Mut bewundert! Straßenmusik war in der Schweiz damals unter Gefängnisstrafe verboten. Man weiß manchmal gar nicht, dass man mutig ist. Mut aus Zufall, sozusagen.

Mut – der Begriff hat ja auch sowas Heldenhaftes ...

Es ist ja auch Heldenmut, wenn ich sehe, dass da einer von fünf Leuten zusammengeknüppelt wird und ich riskiere mein Leben, ohne zu wissen, wie und ob ich aus dieser Nummer wieder herauskomme. Seien wir froh, wenn wir diesen Mut möglichst selten brauchen. Aber man unterschätze nicht den täglichen Bedarf an Mut im Sinne von Mumm, Kraft, Selbstvertrauen, Risikobereitschaft. Das heißt für mich: seinen eigenen Weg zu gehen. Jemand zu sein, der individuell entscheiden kann. Sonst lebt man nicht richtig. Und es hat mich durchaus Kraft gekostet, als Künstler nicht den geraden kommerziellen Weg zu gehen. Gerade in den 80ern, als die Plattenindustrie noch richtig viel Geld umgesetzt hat.

Inwiefern?

Journalisten wurden geschmiert, Künstler eingekauft und dann auf Eis gelegt. Nachdem ich meine erste Platte bei einem kleinen Label in England aufgenommen hatte, wollten mich zwei internationale Labels einkaufen und boten mir wirklich viel Geld an – für mich der absolute Hammer! –, aber ich hatte ein komisches Gefühl und lehnte ab. Jahre später haben mir Mitarbeiter des Labels bestätigt, dass ich damals richtig lag: Die wollten mich als Konkurrent für einen großen Pop-Namen, der gerade im Aufbau war, aus dem Weg schaffen. Gerade in den 80ern, als ich überhaupt keine Kohle hatte, ging das schon an die Substanz.

Und so kam es, dass du – ich zitiere deinen eigenen Spruch – der berühmteste unberühmteste Künstler wurdest, den wir in Deutschland haben. Warum sieht man dich nicht im TV?

Ich wollte mich nicht von seltsamen Journalisten kleinkriegen lassen.


„Die Angst vor der Blöße, die Angst vor dem Tod reicht für ein Leben als verklemmter Idiot.“

Seltsame Journalisten?

Es kam so oft vor, dass Journalisten nicht vorbereitet waren. Die wollten mit mir über meine neue Platte reden und hatten sie sich vorher nicht mal angehört. Das ist für mich ein Unding! Gerade bei diesen Fernsehleuten konnte ich nie die Klappe halten.

Ich finde, es gibt bei dir noch einen anderen Aspekt rund ums Thema Mut: Man weiß bei deinen Auftritten nie, was passiert. Es gibt kein Sicherheitsnetz. So viele Künstler setzen auf Überwältigung, Pyrotechnik, Perfektion – und du nimmst dich selbst und dein Publikum auf die Schippe und lotest aus, wie weit du gehen kannst. Das ist ein Stilmittel von dir, das deine Fans zittern lässt: Kriegt er die Kurve? Und mir scheint, dass das doch auch deine Botschaft ist, oder? Riskiert was, Leute!

Das ist wahr. Ich genieße den Moment, in dem ich das Seil loslasse. Ich vertraue auf meine Eingebung. Ich vertraue dem Publikum, dass es mich schon tragen wird. Ich liebe heikle Momente sogar, es ist toll, wenn man sich verhaspelt, hängen bleibt: Dann kann man wirklich ins Minus gehen und mal gucken, wie weit man gehen kann. Das ist ein Grundvertrauen, auf der Bühne zu sein und sich jede Blöße zu geben. Das ist der Punkt. Insofern herrscht auf der Bühne das gleiche Grundprinzip wie beim Mut: Man stellt sich selbst hinten an. Aber letztlich ist ein Debakel auf der Bühne natürlich lächerlich. Mein Freund Arthur Brown (Autor des Welt-Hits „Fire“), der schon immer mit exzentrischen Auftritten – nackt und mit brennendem Helm auf dem Kopf –, von sich reden gemacht hat, der sagt immer: Es ist nur Musik! Da steckt ganz viel drin. Natürlich ist Musik etwas ganz Elementares für uns, unser Gefühl, unsere Kultur. Aber trotzdem, was soll schon sein? Man wird höchstens mal von der Bühne geknüppelt. Ist mir auch schon passiert.

Erzähl’.

Vorneweg: die gleiche Geschichte wie in der Schweiz, „Mut durch Zufall“, nur andere Situation. Ich habe mal in den 80ern auf dem Düsseldorfer Katholikentag gespielt und hatte damals einen Song im Programm, den Kollege Ringswandl geschrieben hatte, „Ich hab’ den Papst gesehen“ („Papst gsehng“, Anm. d. Red.). Das Motto der Veranstaltung war „Kirche von unten“, eine kritische Veranstaltung, wie ich dachte. Allerdings waren die Jungchristen die Veranstalter, und die hatten sich das Ganze gar nicht so kritisch vorgestellt. Wir stehen also auf der Bühne und merken schon: Der Auftritt läuft komisch. Das Publikum – an die Hunderttausend Leute – zog irgendwie nicht, unsere kirchenkritischen Ansagen kamen überhaupt nicht an, und da dachte ich: Holen wir unseren Trumpf raus! Spielen wir „Ich hab’ den Papst gesehen“! Das war es dann. Die haben uns wutschnaubend von der Bühne gerissen und wir mussten fluchtartig den Platz verlassen. So, und wenn du das mal erlebt hast, kann dich nichts mehr erschüttern.

Wenn du jetzt zurückblickst auf deine 30 Jahre währende Karriere ...

40 Jahre!

... wünschst du dir dann manchmal, gelegentlich ein klein wenig weniger mutig gewesen zu sein?

Es hat mich sicher viel Kohle gekostet. Aber das ist auch alles: Auf der Habenseite gibt es sehr viel mehr. Ich habe ja keinen hohen Preis bezahlt, sondern im Gegenteil auf lange Sicht gewonnen. Viele Kollegen, die sich haben einkaufen lassen, sind danach abgefallen und verloren ihre Kreativität. Ich habe mir mein eigenes Leben aufgebaut, und das funktioniert in einer Zeit, in der die Kollegen stöhnen, Livemusik werde von einer digitalen Berieselungsindustrie in die Ecke gedrängt. Ich habe mir ein Publikum erarbeitet, das schätzt, was ich mache. Am Ende steht bei mir ein absolutes Plus. Ich kann halt machen, was ich will. Als Künstler frei im Hier und Jetzt zu sein, das war mir immer das wichtigste.

Wie stehst du heute zu TV-Auftritten?

Die letzte Anfrage kam von Jan Böhmermann. Da wäre ich ja sogar hingegangen, aber an diesem Termin hatte ich nun mal einen Auftritt in Dresden.

Du hast ja von 1997 bis 2012 hier im Landkreis gelebt ...

... das war auch mutig von mir.

... bevor du in deine Geburtsstadt Hamburg gezogen bist, und du trittst jedes Jahr mit Stoppok & Artgenossen in Landsberg auf. Du kennst die Leute und die Gegend. Was glaubst du, heißt es hier, mutig zu sein?

Ich denke, es ist hier schon mutig, sich als Bürger für die Kultur zu engagieren. Doch Behörden, die stille Bürger bevorzugen, gibt es wahrscheinlich überall, es mag also sein, dass das auch für die Großstadt gilt. Aber wenn ich so nachdenke, merke ich, dass es etwas gibt, das im Landkreis Landsberg Mut erfordert. Etwas Wichtiges, wie ich finde: Offen sein. Sich nicht immer nur in seiner Szene bewegen. Mal wo hingehen, wo man keinen kennt und einfach mal reden und Kontakt aufnehmen. Das ist in einer Großstadt sicher einfacher – auf dem Dorf und in der Kleinstadt sind die Zirkel fester, da gehört eindeutig mehr Mut dazu, sich auf Unbekannte einzulassen. Ich bin in die angesagte Kneipe gegangen und ebenso in den Schützenverein, ich habe mich auf unterschiedliche Menschen eingelassen, und ich finde, darin liegt eine große Chance für die Leute in dieser Gegend, die sie viel mehr nutzen könnten: persönliche Begegnungen über soziale Blasen und Schichten hinaus aufzubauen. Den Mut sollte man immer haben, über seinen Tellerrand zu gucken. Und ich glaube, dafür wird man immer belohnt.

Danke, Herr Stoppok.

Stefan Stoppok gehört zu den bekanntesten deutschen Liedermachern und hat 15 Jahre lang im Landkreis Landsberg gelebt. Für seine Musik, seine Texte und seinen Witz wurde er vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem deutschen Kleinkunstpreis. Seit 1982 tritt er solo oder mit seiner Band „Stoppok“ auf. Bis 1999 war er unter anderem bei Sony/Epic unter Vertrag, bevor er 2000 mit seiner Managerin Ute-Elke Schneider und Christof Stein-Schneider von Fury in the Slaughterhouse die Platten- und Verlagsfirma „La-La-Land“ gründete. Einmal jährlich – immer am 2. Oktober – pilgern seine hiesigen Fans zu seiner Konzertreihe „Stoppok und Artgenossen“ ins Landsberger Stadttheater – im Oktober 2019 bereits zum elften Mal.
Foto Thomas Willemsen

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